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Projekt Gymnasium 27+ – eine Zwischenbilanz

Mit Gymnasium 27+ setzt der Kanton Aargau die Vorgaben der eidgenössischen Maturareform um. Der AMV und Bildung Aargau begleiten den Prozess eng und bringen die Perspektive der Lehrpersonen ein.

Text von Katja Burgherr

In den vergangenen Jahren wurden auf eidgenössischer Ebene die Rahmenlehrpläne des Gymnasiums sowie die Reglemente und Verordnungen der Matura revidiert. Ziel dieser Revision war es, die Qualität der gymnasialen Maturität zu sichern und den prüfungsfreien Zugang zu den Hochschulen langfristig zu garantieren. Im Kanton Aargau läuft seit Herbst 2023 das Projekt Gymnasium 27+, welches diese Änderungen kantonal umsetzt.

Teilprojekt 1: Grundlagen, Wahlfächer und neuer Fachkatalog

In einem ersten Teilprojekt wurde die Anzahl Lektionen der Grundlagen- und Wahlfächer (Akzent-, Schwerpunkt- und Ergänzungsfach) festgelegt. Zu den Grundlagenfächern zählen neu schweizweit auch die Fächer Wirtschaft und Recht sowie Informatik. Im Teilprojekt 1 wurde zudem ein neuer Schwerpunktfachkatalog erarbeitet, der für alle Aargauer Kantonsschulen einheitlich ist.

Diese Revision wird die Gymnasien für die kommenden Jahrzehnte prägen. Deshalb begleiten «Lehrpersonen Mittelschule Aargau» (AMV) und Bildung Aargau dieses Projekt sehr eng: Als Berufsverbände sind AMV und Bildung Aargau zwar nicht direkt in die Projektgruppe des BKS eingebunden, sie können sich jedoch in der beratenden Begleitgruppe einbringen, welcher auch Vertretungen der Schüler:innen und der Schulkommission angehören.

Thematische Kommission als Sprachrohr der Fachschaften

Im Herbst 2023 setzte Bildung Aargau zudem – parallel zum offiziellen Teilprojekt 1 – eine vom Verband finanzierte «Thematische Kommission» unter der Leitung von Roger Sax ein. Diese brachte alle Kantonsschulen und alle Fachschaften an einen Tisch, um das Know-how und die Erfahrungen der Lehrpersonen in den Prozess einzuspeisen, eine gemeinsame Haltung zu entwickeln und den Kontakt mit der Basis sicherzustellen. Die Resultate der Kommissionsarbeit wurden via Berufsverbände in den Revisionsprozess eingebracht.

Clustering sorgt für kontroverse Diskussionen

Die Projektgruppe des BKS hat im Sommer 2024 erste Vorschläge zu einer neuen Stundentafel und einem revidierten Schwerpunktfachkatalog präsentiert und dazu bei Lehrpersonen und anderen Akteuren eine interne Fachkonsultation durchgeführt. Insbesondere der Vorschlag des Clusterings wurde an der Basis kontrovers diskutiert. Clustering soll die Belastung der Schüler:innen reduzieren, indem pro Schuljahr weniger Fächer unterrichtet werden. Dies soll mit einer Umverteilung der Fächer Chemie, Biologie, Geschichte und Geografie auf andere und/oder weniger Schuljahre als bisher erreicht werden. Clustering hat aber nicht nur Vorteile, sondern es können auch gravierende Nachteile entstehen, z. B. wenn ein Fach während eines ganzen Jahres nicht unterrichtet wird (Lücken im Curriculum) oder inhaltlich gekoppelte Fächer nicht mehr aufeinander aufbauen können.

Eine von uns durchgeführte Umfrage im Herbst 2024 war wichtig, um diese Chancen und Risiken gewichten und einordnen zu können. Wir haben uns u. a. dafür stark gemacht, dass bestehende Fächer nicht gekürzt werden. Ebenso haben wir uns dafür eingesetzt, dass Clustering nur in Fächern umgesetzt wird, die aus fachlicher und pädagogischer Sicht dafür geeignet sind und deren Fachschaften es unterstützen.

Basierend auf der Fachkonsultation präsentierte die kantonale Projektgruppe im vergangenen Dezember eine überarbeitete Stundentafel sowie einen überarbeiteten Schwerpunktfachkatalog. Die Stundentafel sieht eine höhere Dotation der neuen Grundlagenfächer Wirtschaft und Recht sowie Informatik auf vier Jahreslektionen vor. Die Sprachfächer Englisch, Französisch und Italienisch sollen um eine halbe Lektion gekürzt werden. Der revidierte Schwerpunktfachkatalog ist innovativ und beinhaltet neben bisherigen auch neue interdisziplinäre Kurse wie z. B. «Informatik und ihre Anwendungen» oder «Geschichte und Geografie».

Fazit

Wir ziehen insgesamt ein positives Fazit und sind dankbar, dass die Berufsverbände beratend mit einbezogen wurden. Die Zusammenarbeit insbesondere mit der Projektleitung war sehr konstruktiv. Wir sind froh um die Überarbeitung und Optimierung im Nachgang zur Fachkonsultation, bei welcher viele fachliche und pädagogische Rückmeldungen der Lehrpersonen eingeflossen sind. Die vorgeschlagene Revision ist eine moderate Weiterentwicklung des bewährten Aargauer Gymnasiums. Die Anzahl Fächer pro Jahr wurde leicht reduziert und die Verteilung der Maturanoten auf die Jahre zwei bis vier verbessert. Diese Änderungen sind für die Schüler:innen positiv und sollen mithelfen, die in vielen Bereichen sichtbare Überlastung der Schüler:innen zu mildern. Allerdings wird allein eine Umgestaltung der Stundentafel dieses Problem nicht zufriedenstellend lösen können. Die systemische Überlastung und die Zunahme psychischer Probleme bei Schüler:innen – welche wir nicht nur an Mittelschulen beobachten – müssen in Zukunft breitflächig diskutiert werden.

Leider wird die positive Sicht auf die Revision durch zwei offensichtliche Schwachpunkte getrübt, auf welche wir hingewiesen und für die wir einfach umsetzbare Lösungen präsentiert haben, welche leider nicht berücksichtigt wurden:

¬ Die vom Kanton angestrebte Stärkung der MINT-Fächer wird nur teilweise erreicht. Während die Erhöhung der Stundendotation im Fach Informatik erfreulich ist, wird insbesondere das Grundlagenfach Chemie durch die Verschiebung des Starts in die 2. Klasse und das Clustering nachhaltig geschwächt. Diese Änderung wurde von der Fachschaft Chemie aus fachlichen und pädagogischen Gründen im Vorfeld konsequent abgelehnt. Indirekt wird auch das Fach Biologie geschwächt, welches Vorwissen in Chemie voraussetzt, das neu fehlen wird.

¬ Zweitens wurde bei der Umverteilung der Sprachfächer beim Schwerpunktfachkatalog über das Ziel hinausgeschossen, da vier Sprachfächer in nur ein Angebot mit dem Titel «Literatur, Sprache und Kultur» eingebunden wurden und der Katalog den Anspruch der Ausgewogenheit so nicht mehr erfüllt. Mit Deutsch als Unterrichtssprache hat dieses neue Schwerpunktfach eine germanische Ausrichtung. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit den romanischen Landessprachen Französisch und Italienisch sowie mit Latein ist in Zukunft im Rahmen des Schwerpunktfachs nicht mehr möglich.

Der jetzige Vorschlag ist unter Miteinbezug vieler Akteure entstanden und ist ein gangbarer Kompromiss, der hoffentlich von den meisten Fachschaften mitgetragen werden kann. Für den nächsten Schritt der kantonalen Revision wurde entschieden, nur kantonale Lehrpläne zu erstellen und auf die bisherigen schulinternen Lehrpläne zu verzichten. An der Kick-off-Veranstaltung Anfang Mai in der Aeschbach-Halle in Aarau wurden die Rahmenbedingungen kommuniziert und das Teilprojekt 2 «Kantonale Lehrpläne» von Gymnasium 27+ offiziell lanciert. Lehrpersonen aller kantonalen Mittelschulen und Fächer erarbeiten nun die Lehrpläne für die Grundlagen- und Wahlfächer.

Als Berufsverband werden wir auch die restlichen noch anstehenden Teilschritte konstruktiv und differenziert begleiten und die Erfahrungen der Lehrpersonen einbringen mit dem Ziel, zum Gelingen dieses Grossprojekts beizutragen.

 

ANDREAS MEIER
Präsident AMV

SIMONE MEYER-WEIBEL
Vizepräsidentin AMV