Mehrsprachigkeit – «ein Stück Normalität»
In der Schweiz ist Mehrsprachigkeit fest im Alltag verankert: In fast jedem zweiten Haushalt werden laut Bundesamt für Statistik zwei oder mehr Sprachen gesprochen. Diese Vielfalt spiegelt sich indes im Bildungswesen wider, so auch im Kanton Aargau, wo viele Kinder ihre Deutschkenntnisse erst ab dem Kindergarten gezielt entwickeln. Thomas Studer, Ko-Direktor des Instituts für Mehrsprachigkeit der Universität und der Pädagogischen Hochschule Freiburg, zeigt auf, welche Chancen in dieser sprachlichen Diversität liegen und welche Herausforderungen sie mit sich bringt.
Herr Studer, Sie dozieren in Freiburg an einer zweisprachigen Universität. Was bedeutet Mehrsprachigkeit für Sie persönlich?
«Ein Stück Normalität. Mehrsprachigkeit ist ja in vielen Gesellschaften und für viele Menschen eine Realität. Das ist auch in meinem Freiburger Umfeld so. Privat und beruflich spielen bei mir Deutsch und Französisch die Hauptrollen, im Arbeitszusammenhang kommen weitere Sprachen hinzu.»
Der Kanton Aargau ist zwar nicht zweisprachig, aber auch hier wachsen Kinder mit verschiedensten Muttersprachen auf und erlernen Deutsch als Zweitsprache. Und lange Zeit waren viele Menschen der Meinung: Wer zwei Sprachen lernt, lernt keine richtig. Wie müsste es richtig heissen?
«Genau, das ist einer der Mythen, die sich immer noch um die Mehrsprachigkeit ranken. Die einfache Gegenfrage lautet: Was bedeutet es, eine Sprache ‹richtig› zu können? Untersuchungen zeigen klar, dass auch sog. ‹native speakers› ihre Sprache nicht perfekt beherrschen. Sprachbeherrschung variiert u. a. nach Alter, Ausbildung und Beruf. Ein zeitgemässes Konzept ist: ‹Wer zwei Sprachen lernt, kann Teilkompetenzen in beiden Sprachen aufbauen.› Es ist zweifellos nützlich, andere Sprachen zu verstehen, aber in vielen Fällen schlicht nicht nötig, in mehr als einer Sprache gut schreiben zu können.»
An den Volksschulen gibt es Bestrebungen, mehr in die Frühe Förderung von Kindern zu investieren, die zuhause kaum oder gar kein Deutsch sprechen. Wie stehen Sie dazu und was muss bei der Frühen Förderung beachtet werden?
«Einerseits sind diese Bestrebungen nachvollziehbar, denn die ‹Förderung der Kenntnisse Anderssprachiger in der lokalen Landessprache vor dem Eintritt in die Primarschule› findet sich so in den Ausführungsbestimmungen zum Schweizer Sprachengesetz. Andererseits wird mit dieser Massnahme der sog. monolinguale Habitus der Schule verstärkt: Schulerfolg läuft über ein und dieselbe Sprache, Deutsch in der Deutschschweiz. Die mitgebrachten Sprachen dagegen, die lebensweltliche Mehrsprachigkeit vieler Kinder, zählen nicht. Vor diesem Hintergrund empfiehlt die neuere Forschung ein universelles Angebot der frühen Bildung, das den mehrsprachigen Spracherwerb unterstützt und das sich an alle Kinder richtet, nicht nur an die fremdsprachigen. In solchen Angeboten gibt es Platz sowohl für die Lokal- als auch für die Familiensprachen. Erste Befunde dazu deuten darauf hin, dass alle Kinder, also auch die einsprachigen, von solchen Angeboten profitieren können.»
Was bringt Zweisprachigkeit bei Kindern für Vorteile mit sich, wo sehen Sie Nachteile?
«Immer wieder genannt werden kognitive, sprachliche und mitunter auch soziokulturelle Vorteile, also etwa bessere und flexiblere Problemlösungsfähigkeiten, ein differenzierteres Verständnis von sprachlichen Strukturen und Funktionen sowie Vorteile im Bereich interkultureller Kompetenzen. Auf der anderen Seite stehen Herausforderungen sprachlicher, bildungsbezogener und sozialer Art. So ist mit ungleichmässigen Entwicklungen in den beiden Sprachen zu rechnen. Der Wortschatz z. B. ist normalerweise zwar insgesamt gross, aber in den beteiligten Sprachen kleiner als bei einsprachigen Kindern. Nicht zuletzt kann das Mischen von Sprachen gerade im Bildungsbereich als Fehler oder mangelnde Kompetenz ausgelegt werden. Insgesamt ist das Bild der Forschung wenig einheitlich, abhängig auch vom Typ der untersuchten Zweisprachigkeit.»
In der Deutschschweiz lernen die Kinder ab der 3. Kanton Englisch und ab der 5. Klasse Französisch – oder umgekehrt. Gerade beim Französisch scheiden sich die Geister darüber, ob sich das überhaupt lohnt oder ob zwei Fremdsprachen vor der 6. Klasse Kinder überfordern. Die FDP fordert gar die Abschaffung von Frühfranzösisch und Frühenglisch. Wie stehen Sie dazu?
«Das Lernen von zwei Fremdsprachen ab der Primarschule ist in der Schweiz politischer Wille. Bisher wurden sämtliche Initiativen zur Abschaffung einer Fremdsprache vom Volk abgelehnt, meistens sehr deutlich. Aber natürlich kann und soll man kritische Fragen stellen. Was den Altersfaktor betrifft, unterscheidet die Forschung zwischen dem Lernstand, der in der Schule erreicht werden kann, und der Lerngeschwindigkeit. Beim Lernstand zeigen sich höchstens kleine und partielle Vorteile, wenn mit der Fremdsprache sehr früh, also vor der 3. Klasse, begonnen wird. Beim Lerntempo kann man vereinfacht sagen, je später, desto schneller. Das heisst: Je älter die Kinder bei Unterrichtsbeginn sind, desto höher ist die Lerngeschwindigkeit. Allerdings, und das ist wichtig, sollten diese Befunde nicht für die Abschaffungsargumentation vereinnahmt werden, denn sie gelten für einen traditionellen Fremdsprachenunterricht mit wenigen, vielleicht zwei oder drei Stunden Unterricht pro Woche. Davon scheinen junge Kinder wenig profitieren zu können. Vom knapp dosierten, kursorischen Fremdsprachenunterricht sollte man keine Wunderdinge erwarten. Anders präsentiert sich die Situation u.a. bei Formen des zweisprachigen Unterrichts, also z. B. Sport oder Mathematik auf Französisch. Hier gibt es einige positive Anhaltspunkte. Erstaunlich ist, dass das Überforderungsargument immer wieder auf den Tisch kommt, obwohl es dafür bis heute keine robusten Belege gibt. Wenn Kinder überfordert sind, dann sind sie es in der Regel nicht nur in oder wegen den Fremdsprachen.»
Was halten Sie davon, dass sich einige Kantone dazu entschieden haben, früher mit dem Englisch- als mit dem Französischunterricht zu beginnen, obschon Französisch eine Landessprache ist?
Die Bevorzugung von Englisch geht ja auf Ernst Buschor, den seinerzeitigen Zürcher Erziehungsdirektor zurück. Das war eine rein wirtschaftsbezogene Argumentation, und diese kollidiert mit staats- und kulturpolitischen Überlegungen. Aber auch die wirtschaftliche Argumentation wäre heute zu aktualisieren: Sprachliche Repertoires, die neben Englisch eine weitere Fremdsprache umfassen, scheinen gegenüber der English only-Doktrin im Vorteil zu sein. Was die Sprachenreihenfolge betrifft, wird das Deutschschweizer Muster Englisch vor Französisch in der Westschweiz als Affront wahrgenommen, denn die französischsprachigen Kantone halten ja an Deutsch als erster schulischer Fremdsprache fest.
Sehen Sie in zwei oder mehreren Muttersprachen bei der Einschulung eher eine Ressource oder eine zusätzliche Schwierigkeit?
«Sowohl als auch. Insbesondere ist lebensweltliche Mehrsprachigkeit als Tatsache vieler Kinder bei der Einschulung eine grosse Herausforderung für die Lehrpersonen. Wie eine Reihe von Studien zeigt, sind Lehrerinnen und Lehrer gegenüber der Mehrsprachigkeit positiv eingestellt. Gleichzeitig aber bekunden sie Vorbehalte gegenüber dem Einbezug lebensweltlicher Mehrsprachigkeit in den Unterricht. Diese Vorbehalte sind verständlich, denn Lehrpersonen sehen sich in der Verantwortung, der jeweiligen Zielsprache – sei es die Schulsprache Deutsch oder eine schulische Fremdsprache – möglichst viel Raum und Gewicht zu geben, um die Bildungs- und Berufschancen der Schülerinnen und Schüler zu erhöhen. Was also resultiert, ist eine Ambivalenz, die sich nicht einfach wegdiskutieren lässt. Vielmehr sind angewandte Forschung und Didaktik aufgerufen, Modelle zu entwickeln und zu prüfen, in denen die Vielfalt der Sprachen im Klassenzimmer positiv genutzt werden kann.»