Frühfranzösisch – zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Seit 2020 setzt der Kanton Aargau auf frühen Französischunterricht, um die Verständigung zwischen Sprachregionen zu fördern. Doch die Massnahme scheint ihr Ziel – aus altbekannten Gründen – zu verfehlen.
Seit dem Schuljahr 2020/21 setzt der Kanton Aargau die nationale Sprachenstrategie um, indem neben Englisch ab der dritten Klasse, ab der fünften Klasse Französisch unterrichtet wird. Nach Lehrplan ist Französisch in der fünften und sechsten Klasse mit je drei Lektionen pro Woche dotiert. Der Regierungsrat argumentierte damals, dass diese Massnahme die Verständigung zwischen den Sprachregionen fördere und sowohl politische und wirtschaftliche als auch persönliche Kontakte innerhalb der Schweiz erleichtere und einen Schritt in Richtung Mehrsprachigkeit darstelle.
Während sich laut einer Studie der Universität Zürich das frühe Erlernen der englischen Sprache im Aargau positiv auf das spätere Niveau der Schülerinnen und Schüler auswirkt, fehlen für das Französisch solche Untersuchungen. Eine in einigen Kantonen durchgeführte Evaluation über Frühfranzösisch (2019) wurde nie veröffentlicht. Immer lauter werden die Stimmen, die im Frühfranzösisch eher eine Überforderung für die Schülerinnen und Schüler sehen als ein Kitt, der das Land zusammenhält.
Die Schulen sind in der Pflicht
In einem Land, in dessen Verfassung die Mehrsprachigkeit als Fundament des gesellschaftlichen Miteinanders bereits im vierten Artikel verankert ist, ist es nur naheliegend, dass die Bürgerinnen und Bürger die Sprachen der anderen Sprachregionen erlernen – und der Volksschule kommt hierbei eine Schlüsselrolle zu: Im Bundesgesetz über die Landessprachen und die Verständigung zwischen den Sprachgemeinschaften ist festgehalten, dass Lehrpersonen dazu aufgefordert sind, «im Rahmen ihrer Zuständigkeit die Mehrsprachigkeit der Lernenden und Lehrenden» zu fördern.
Die Mehrsprachigkeit in der Schweiz beschränkt sich jedoch nicht auf eine rein symbolische Bedeutung: So zeigte eine im Jahr 2023 veröffentlichte wissenschaftlich fundierte Erhebung des Adecco Group Swiss Job Market Index, dass Menschen, die über Kenntnisse in verschiedenen Sprachen verfügen, auf dem Arbeitsmarkt höhere Chancen haben. Das grosse «Aber»: In der Deutschschweiz ist Englisch laut dieser Studie auf dem Arbeitsmarkt stärker gefragt als Französisch.
Noch immer kein Konsens in der Forschung
Die Forschung ist sich bis heute nicht einig darüber geworden, ob das frühere Erlernen einer Fremdsprache tatsächlich zu einem höheren Sprachniveau im Erwachsenenalter führt. So kam die Linguistin Simone Pfenninger in einer im Jahr 2017 veröffentlichten Studie zum Schluss, dass Spätstarter in einer Fremdsprache oft schneller Fortschritte machen als Frühstarter und dass ein späterer Beginn des Sprachunterrichts aus verschiedenen Gründen vorteilhaft sein kann. Die Studie legt nahe, dass Faktoren wie die Intensität und Qualität des Unterrichts, die Motivation der Lernenden und individuelle Unterschiede eine bedeutendere Rolle für den Erfolg beim Spracherwerb spielen als das Alter beim Beginn.
Auch Raphael Berthele, Professor für Mehrsprachigkeit an der Universität Freiburg, hält fest, dass «Einigkeit darüber besteht, dass ein früherer Beginn des Fremdsprachenunterrichts nicht durchweg zu besseren Leistungen führt. Zu einem anderen Schluss kommt hingegen Stefan C. Wolter, Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF). Er sagte in einem Artikel aus dem Jahr 2015 gegenüber SRF: «Ältere Schülerinnen und Schüler lernen alles schneller, dass man jedoch in einem halben Jahr den Schulstoff von drei Jahren aufholen kann, wird durch die neuen Evaluationen nicht gestützt», und fügt an, dass Schülerinnen und Schüler «am Schluss der obligatorischen Schule am ehesten ein minimales Niveau erreichen», wenn sie früher mit dem Spracherwerb starten.
Fehlende Ressourcen
Doch selbst wenn wir davon ausgehen, dass Wolter mit seiner positiven Haltung gegenüber dem frühen Fremdsprachenerwerb recht behält, zeigt sich, dass was in der Theorie gut klingt, in der Praxis nicht zwingend funktioniert, denn: Das oft zitierte «Sprachbad», das Schülerinnen und Schüler in der Primarschule durchlaufen sollen, ist schwierig umzusetzen. Zweisprachige Lehrpersonen sind schwer zu finden und allgemein ist der Mangel an qualifizierten Personen im Bereich Französisch auf der Primarstufe besonders ausgeprägt. Für das Gelingen des frühen Fremdsprachenunterrichts sei die Sprachkompetenz der Lehrperson aber zentral, wie Raphael Berthele, ebenfalls gegenüber SRF, erklärte. Auch Berthele spricht das «Sprachbad» an, wenn er sagt, dass es für das Französischlernen zielführender wäre, wenn «punktuell Fachinhalte in einer anderen Sprache» vermittelt würden. Doch auch dieser Ansatz würde in der Praxis wohl an fehlendem Fachpersonal scheitern.
Die Schweiz, der Sonderfall
Wenn wir von der gegenteiligen These ausgehen, dass Französischunterricht ab der fünften Klasse keinen positiven Effekt auf das spätere Sprachniveau hat, stellt sich dennoch die Frage: Muss Sprachunterricht zwingend am Ergebnis gemessen werden? Was in einem anderen Kontext leicht mit «ja» beantwortet werden könnte, kann in einer «Willensnation», die aus verschiedenen Sprachregionen besteht, schnell zu einem Politikum werden. Und so bleibt es, wie es schon seit Jahren ist: «compliqué».