Noten, Selektion, Durchlässigkeit
Bildung Aargau hat zu Noten, Selektion und Durchlässigkeit, insbesondere auf der Oberstufe, eine differenzierte Haltung. Bei den Noten sind wir der Meinung, dass die Lehrpersonen genügend Expertise haben, um beurteilen zu können, wann welche Bewertungsart angezeigt ist. Die Politik beurteilt dies teilweise anders, weshalb Bildung Aargau mit einer Petition aktiv wurde.
Bei kaum einem Thema gehen die Meinungen von Bildungsfachleuten stärker auseinander als beim Thema Noten und damit verbunden der Selektion nach der sechsten Klasse. Bildung Aargau hatte das Thema Noten mehrfach im Verbandsrat diskutiert und ist der Meinung, dass Bewertungen nötig und sinnvoll sind. Ob diese Bewertungen in Form von Wortrückmeldungen oder Ziffernoten passieren, ist abhängig von diversen Faktoren, insbesondere der Schulstufe oder auch des Leistungsnachweises.
Bildung Aargau unterstützt im Grundsatz Ziffernoten
Bildung Aargau ist der Meinung, dass klassische schriftliche Prüfungen weiterhin, insbesondere bei höheren Schulstufen, ihre Berechtigung haben. Alternative Leistungsnachweise sollen aber ebenfalls in die «gesamtheitliche Bewertung» einfliessen. Die Bewertungskriterien und die Lernziele müssen transparent sein. Die Note ist dann lediglich die Verdichtung eines langen, transparenten Bewertungsprozesses. Wir gehen ferner davon aus, dass eine rekurssichere Selektion nach der sechsten Klasse ohne Ziffernoten extrem schwierig wäre. Generell muss festgehalten werden, dass alternative, kompetenzorientierte Bewertungsraster sehr aufwändig sind. Die Lehrpersonen nehmen diese aufwändigen Bewertungen aktuell im Rahmen ihres üblichen Leistungsauftrags wahr, was dringend überdacht werden muss.
Der Verbandsrat hatte sich auch mit jenen politischen Vorstössen beschäftigt, die explizit Ziffernoten ab der dritten Klasse fordern. Bildung Aargau lehnt diese Verschärfung ab. Zwar gibt es, wie gesagt, gute Gründe für Ziffernoten und viele Schulen bewerten auch immer noch in dieser Weise. Schulen und Lehrpersonen, die andere, ebenfalls sinnvolle und passende Lösungen haben, sollten diese aber nicht ändern müssen. Wir vertreten die Haltung, dass die Bewertung, wie bisher, in der Kompetenz der bewertenden Lehrperson liegen sollte. Um diese Position zu unterstreichen, hatte Bildung Aargau eine vielbeachtete Petition zum Erhalt dieser Lehrpersonenkompetenz mit rund 1000 Unterschriften aus Lehrpersonenkreisen eingereicht.
Bildung Aargau unterstützt die Selektion nach der sechsten Klasse
Der Verbandsrat und die überwiegende Mehrheit der Mitglieder von Bildung Aargau lehnen nicht nur eine generelle Notenabschaffung, sondern auch eine Abschaffung der Selektion nach der sechsten Klasse ab. Deshalb begrüssen und unterstützen wir das Positionspapier des LCH, welches ebenfalls eine Aufhebung der Selektion nach der sechsten Klasse ablehnt. Bei diesem Positionspapier haben sich die Geschäftsleitung und das Präsidium von Bildung Aargau stark engagiert.
In Übereinstimmung mit dem Positionspapier des LCH wollen wir den Übertrittsentscheid aber möglichst transparent und fair gestalten. In den allermeisten Schulen läuft dies auch positiv und die Lehrpersonen wenden viel Zeit auf, um den Entscheid akribisch vorzubereiten. Da aber nie im ganzen Kanton dieselben Kriterien zur Anwendung kommen werden, dürfte es trotz aller Sorgfalt zu Fehleinschätzungen kommen. Schliesslich können sich auch die Kinder im 3. Zyklus anders entwickeln als dies in der 6. Klasse erwartet wurde.
Eine Möglichkeit, um den Lernfortschritt der Kinder im ganzen Kanton sichtbar zu machen, sind die diversen Checks, welche alle Kinder und Jugendlichen im Laufe ihrer Volksschullaufbahn durchlaufen. Bildung Aargau setzt sich deshalb zusammen mit dem Departement BKS und dem aargauischen Gewerbeverband dafür ein, dass die Checks weiterentwickelt und aufgewertet werden. So soll es möglich werden, dass abnehmende Schulen der Sekundarstufe II die Resultate des Checks S3 erhalten und somit gezielt mit diesen Checks weiterarbeiten können. Auch die Schulleitungen sollen die pauschalen Resultate der Checks erhalten, um damit Schulentwicklung und Qualitätssicherung betreiben zu können.
Keine Qualitätssicherung bewirkt unseren Erachtens hingegen das im Grossen Rat diskutierte Ranking, das aufzeigt, welche Schule oder welche Lehrperson am besten abgeschnitten hat. Bildung Aargau hat sich mit allen Mitteln gegen eine solche Rangliste gewehrt und wird dies auch im neuen Verbandsjahr tun. Beispiele aus dem Ausland sollten uns eine eindrückliche Warnung sein. In Grossbritannien, wo solche Ranglisten seit Jahren existieren, werden die starken Kinder gezielt auf die Tests vorbereitet und den schwächeren Kindern wird nahegelegt, am Tag des Tests «krank» zuhause zu bleiben. Die stärksten Schulen haben ausserdem limitierte Aufnahmekapazitäten und starke Selektionen. Der Qualität dient dies nicht. Einer Volksschule, die für alle da ist, schon gar nicht. Tatsächlich ist das britische Bildungswesen stark privatisiert. Bei den wirtschaftlichen Fundamentaldaten schneidet Grossbritannien in allen Belangen schlechter ab als die Schweiz.
«Keine Qualitätssicherung bewirkt hingegen das im Grossen Rat diskutierte Ranking, das aufzeigt, welche Schule oder welche Lehrperson am besten abgeschnitten hat. Bildung Aargau hat sich mit allen Mitteln gegen eine solche Rangliste gewehrt und wird dies auch im neuen Verbandsjahr tun.»
Schulentwicklung erachten wir dagegen als zentrales Mittel für eine qualitativ gute Bildung. Bildung Aargau hat deshalb eine thematische Kommission eingesetzt, die sich mit Schulentwicklung beschäftigen wird. Die Kommission soll im neuen Verbandsjahr ihre Arbeit aufnehmen.
Im Hinblick auf eine allfällige Oberstufenreform des Kantons hat sich der Verbandsrat schliesslich in seiner Frühlingssitzung mit der höheren Durchlässigkeit im 3. Zyklus beschäftigt. Dies war das Haupttraktandum jener Sitzung. Der Verbandsrat ist offen dafür, neben den bisherigen drei separaten Leistungszügen, auch über Niveaukurse beispielsweise in den Fächern Deutsch, Mathematik oder Französisch zu sprechen. Die völlige Aufhebung der Leistungszüge wird vom Verbandsrat abgelehnt. Ein Langgymnasium steht für Bildung Aargau ebenfalls nicht zur Diskussion, da der Aargau mit der Bezirksschule einen attraktiven Leistungszug mit einem dualen Auftrag für Mittelschulen und Berufslehren hat.
Bildung Aargau hat basierend auf diesen Diskussionen im vergangenen Verbandsjahr für interne Zwecke ein Positionspapier zu einer möglichen Oberstufenreform verfasst. Wir werden eine solche Reform aber nicht initiieren, sondern mahnen in Anbetracht der diversen Reformen zu Zurückhaltung. Sollte das Departement BKS oder die Politik aber eine solche Oberstufenreform anstossen, sind wir bereit, unsere Interessen und unsere Expertisen von Beginn an einzubringen.