Bundesgericht stützt Androhung der Wegweisung
Eine Aargauer Kantonsschule hatte einem Schüler die «Androhung der Wegweisung» verfügt. Dagegen wehrten sich seine Eltern bis vors Bundesgericht. Das Bundesgericht wies die Klage ab. Bildung Aargau ist erfreut über dieses Urteil und fast die Konsequenzen für Lehrpersonen zusammen. Der Fall zeigt aber auch Herausforderungen unseres heutigen Bildungswesens als Spiegel der Gesellschaft.
Ein Gymnasiast zeigt mehrfach und über längere Zeit den Hitlergruss, wertet Mitschüler und Mitschülerinnen bspw. wegen deren Figur ab und äussert sich sexistisch - sogar gegen Lehrerinnen. Gespräche bis zum Rektor nützen nichts. Schliesslich erhalten die Eltern das rechtliche Gehör, weil dem fehlbaren Schüler die Wegweisung angedroht werden soll. Diese wird schliesslich auch verfügt. Die Eltern sind nicht etwa empört über das inakzeptable Verhalten ihres Sprösslings. Im Gegenteil: Sie bekämpfen die Verfügung bis vors Bundesgericht. Das Bundesgericht weist die Beschwerde ab.
Aus Sicht der Lehrpersonen sind folgende Erwägungen des Bundesgerichts hervorzuheben:
- Es ist zulässig, die milderen disziplinarischen Massnahmen zu überspringen, wenn dies aufgrund der Schwere der Vorwürfe angezeigt erscheint. Das Verhältnismässigkeitsprinzip verlangt also nicht eine vollständige Abarbeitung der disziplinarischen Kaskade.
Zumindest mündliche Verwarnungen und die Möglichkeit sich zu bessern, sollten aber vorgenommen werden. - Die Eltern sind bei disziplinarischen Massnahmen früh einzubeziehen. Es reichen aber informelle Kontakte bzw. Gespräche. Erst wenn tatsächlich eine Verfügung droht, ist das rechtliche Gehör auch den Eltern zu gewähren. Vorliegend geht es um einen Jugendlichen der Sekundarstufe II. Da müssen Eltern nicht über jede disziplinarische Verfehlung des Kindes informiert werden. Auf der Volksschulstufe, dürften die Anforderungen an den Einbezug der Eltern grösser sein.
Es ist zulässig, bei einer Gruppe von fehlbaren Jugendlichen, diejenigen härter zu bestrafen, die schwerere Vergehen begangen haben. Anführer dürfen somit schwerer bestraft werden als Mitläufer.
Weiter zeigt der Fall exemplarisch, mit welchen gesellschaftlichen Herausforderungen unser Bildungswsesen, als deren Spielgelbild, heutzutage kämpft.
Politik, Gesellschaft und Eltern verhalten sich widersprüchlich
Die Politik, und sowieso die Communities in den sozialen Medien und die Stammtische, fordern nicht erst seit abnehmenden PISA-Resultaten ein hartes Durchgreifen der Schulen und Lehrpersonen. Schulen sind angeblich woke, links, verweichlicht, verweiblicht, zu «gspürig» und überhaupt wird Leistung nicht mehr gefordert, geschweige denn gefördert.
Würde (Achtung Sarkasmus) der Lehrer (gendern unnötig) wieder - so wie in den guten alten 1980er Jahren - Leistung einfordern, massiv ungenügende Noten ab der 1. KIasse verteilen, das Schulzimmer in eine Kaserne verwandeln und notfalls auch mal zulangen («E Chlapf zum Gind het no kem gschad!» - Achtung Sarkasmus), bräuchte es weder Sozialarbeiter, noch Heilpädagoginnen und schon gar keine teuren Entlastungsstunden.
Wenn dann aber wirklich mal eine Schule durchgreift, - wobei im vorliegenden Fall der Schüler mehrere Chancen zur Besserung erhielt - steigen die Eltern auf die Barrikaden. Sollte eine Lehrperson wirklich mal die Nerven verlieren und zulangen, so kann sie davon ausgehen, dass sie nicht nur fristlos entlassen wird, sondern auch noch eine Anzeige wegen Tätlichkeit am Hals hat.
Mit anderen Worten: Die Schule soll durchgreifen, aber natürlich nicht beim eigenen Kind.
Die Manosphere bietet (scheinbar) Heimat
Die Liberalisierungen im Nachgang der 1968er Bewegung, führten dazu, dass in einem Teil der der Gesellschaft Männlichkeit neu definiert wurde. Werte, wie Härte, Durchsetzungsfähigkeit, Ernährerrolle etc. verloren an Bedeutung. Paare sind gleichberechtigt, Frauen machen Karriere, Männer helfen bei Kindererziehung und im Haushalt.
Diese Veränderungen fanden aber nicht in allen Milieus statt. Insbesondere bei Männern, die nicht zu dieser Gruppe gehören, entstand ein Gefühl des «abgehängt seins». Sätze in der Art von «Männer sind strukturell privilegiert.», empfinden diese abgehängten Männer als arrogant und demütigend. Sogar durchaus gebildete, privilegierte Männer, wie wohl im vorliegende Fall, sehen ihre Karrierechancen durch einen angeblichen «woke-feministischen Zunami» bedroht.
Diese Männer finden nun scheinbar eine neue Heimat in sozialen Medien. Insbesondere in der Manosphere wird einerseits die Opferrolle der Männer zelebriert und anderseits ein vor-68er Männerbild propagiert. Widerspruch gibt es kaum. Denn die Algorithmen sorgen dafür, dass die Communities unter sich bleiben. Einige dieser Manosphere-Influencer sehen in «woken» Bewegungen gar ein Verschwörung: Der «richtige» Mann soll zerstört werden.
Teilweise wird diese Erzählung religiös-kulturell angereichert: Ein angeblich queer-feministisch-dekadenter Westen will echte göttliche Werte, wie sie bspw. die Bibel oder der Koran seit Jahrhunderten lehren, zerstören.
Mit anderen Worten: Unterschiedliche Werthaltungen werden in sozialen Medien verstärkt, radikalisiert und zementiert.
Die schlechten Vorbilder in der realen Welt
Wir alle kennen die Lügen, Verdrehungen und Dekadenzen von durchaus gebildeten Menschen aus den obersten Führungszirkeln. Unterstützt werden sie von Algorithmen, Bot-Farmen und KI-generierten Behauptungen, Filmen und Bildern. «Es gibt keine Gesellschaft, nur Individuen.», ist ihr Mantra. Man nehme sich, was man kriegen kann. Rücksichtsnahme und Solidarität sind Werte von gestern.
Nun, warum sollen sich Jugendliche an Grenzen halten, wenn sich Erwachsene auch nicht daran halten und dafür sogar noch belohnt werden?
Mit anderen Worten: In einer Zeit, in der sogar das Offensichtliche in Frage gestellt und/oder bestritten wird, ist es schwierig, Werthaltungen glaubwürdig zu vertreten.
Mitten drin die Lehrpersonen. Sie versuchen, mit grossem, persönlichem Einsatz, vielen Überstunden, stundenlangen Besprechungen und selbstkritischer Reflexion die Welt - trotz allem - ein bisschen besser zu machen. Oft bis zum Burn-out.